Die letzten Glühwürmchen

Die letzten Glühwürmchen

Worum geht es?

Japan, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Der vierzehnjährige Seita und seine kleine Schwester Setsuko, gerade einmal vier Jahre alt, verlieren bei einem amerikanischen Luftangriff auf die Hafenstadt Kobe ihr Zuhause und ihre Mutter. Der Vater dient bei der kaiserlichen Marine und ist unerreichbar. Auf sich allein gestellt, versuchen die beiden Geschwister, in einem zusammenbrechenden Land zu überleben.

Zunächst kommen sie bei einer entfernten Tante unter, doch die Beziehung zerbricht an knappen Rationen und wachsender Kälte. Seita entscheidet sich, mit Setsuko in einen verlassenen Luftschutzbunker am Fluss zu ziehen, wo die beiden für kurze Zeit eine Art eigenes kleines Leben führen. Was zärtlich und beinahe idyllisch beginnt, gerät jedoch unaufhaltsam in den Sog von Hunger und Not.

Der Film erzählt keine klassische Heldengeschichte. Er ist ein leises, genau beobachtetes Porträt zweier Kinder, die zwischen die Räder der Geschichte geraten – und ein Werk, das seinen Ausgang von der ersten Minute an nicht verbirgt.

Steckbrief

Deutscher TitelDie letzten Glühwürmchen
Originaltitel火垂るの墓 (Hotaru no Haka)
Erscheinungsjahr1988 (Japan-Premiere: 16. April)
StudioStudio Ghibli
Regie & DrehbuchIsao Takahata
Literarische VorlageKurzgeschichte von Akiyuki Nosaka (1967)
MusikMichio Mamiya
Laufzeitca. 89 Minuten
GenreKriegsdrama, Tragödie, Historienfilm
Altersempfehlungab 12 Jahren, thematisch eher ab 14
Verfügbar in DeutschlandNetflix (Stream), DVD und Blu-ray im Handel

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Die Geschichte im Detail

Spoiler-Warnung

Der folgende Abschnitt verrät den kompletten Handlungsverlauf einschließlich des Endes.

Die letzten Glühwürmchen beginnt mit dem Ende. In der Eröffnungsszene sitzt Seita, abgemagert und sterbend, in einer Bahnhofshalle von Kobe. Sein Geist blickt zurück und erzählt die Geschichte, die zu diesem Moment geführt hat. Diese Rahmenkonstruktion nimmt dem Film jede Spannung im herkömmlichen Sinn – man weiß, dass beide Kinder nicht überleben werden. Genau das lenkt den Blick auf das Wie und das Warum.

Nach dem Feuerbombardement Kobes und dem Tod der schwer verbrannten Mutter, deren Zustand Seita vor Setsuko lange verheimlicht, ziehen die Geschwister zur Tante. Anfangs teilt man, was da ist, doch je knapper die Vorräte werden, desto offener wird der Groll. Die Tante wirft Seita vor, nichts zur Gemeinschaft beizutragen und nicht für das Vaterland zu arbeiten. Aus Stolz und Verletzung zieht Seita mit seiner Schwester aus.

Im Bunker erleben die beiden flüchtige Momente des Glücks. Sie fangen Glühwürmchen und lassen sie im Dunkeln leuchten. Doch am nächsten Morgen sind die Insekten tot, und Setsuko begräbt sie – sie hat verstanden, dass auch ihre Mutter in einem Massengrab liegt. Die Nahrung wird knapp, Setsuko leidet an Unterernährung, ihre Haut überzieht sich mit Ausschlag. Seita stiehlt von Feldern und plündert Häuser während der Luftangriffe, doch es reicht nicht. Als er endlich Geld vom Bankkonto der Familie abhebt, um Lebensmittel zu kaufen, erfährt er zugleich, dass Japan kapituliert hat und die Flotte des Vaters vernichtet wurde.

Es ist zu spät. Setsuko, mittlerweile so geschwächt, dass sie Murmeln für Bonbons hält, stirbt kurz darauf. Seita verbrennt ihren Körper. In der letzten Einstellung sieht man ihn selbst gestorben im Bahnhof, während sein Geist und der Geist Setsukos, umgeben von Glühwürmchen, auf eine nächtliche Anhöhe blicken – auf ein friedliches, modernes Kobe, das die beiden nie erleben werden.

Die wichtigsten Charaktere

Seita ist das Herz und zugleich die schwierigste Figur des Films. Mit vierzehn Jahren trägt er plötzlich die Verantwortung für ein Kleinkind, ohne dafür gerüstet zu sein. Er ist liebevoll, fürsorglich und in seinem Beschützerinstinkt bewundernswert – doch sein Stolz und seine Unfähigkeit, sich unterzuordnen oder um Hilfe zu bitten, tragen unmittelbar zum tragischen Ausgang bei. Regisseur Takahata hat betont, dass Seita kein reines Opfer sei, sondern ein junger Mensch, dessen Entscheidungen kritisch zu betrachten seien.

Setsuko ist mit ihren vier Jahren die emotionale Wucht des Films. Sie versteht die Katastrophe um sich herum nur bruchstückhaft und klammert sich an kleine Dinge: an eine Dose Fruchtbonbons, an ihren großen Bruder, an das Leuchten der Glühwürmchen. Gerade ihre kindliche Unschuld macht ihren langsamen körperlichen Verfall so schwer erträglich.

Die Tante wird oft als Antagonistin gelesen, ist aber vielschichtiger. Sie handelt hart und lieblos, doch aus der Perspektive einer Frau, die selbst um das Überleben ihrer eigenen Familie kämpft, ist ihr Verhalten nicht schlicht böse. Sie verkörpert die Erosion der Solidarität, die Mangel und Krieg mit sich bringen.

Entstehungsgeschichte

Die literarische Vorlage stammt von dem japanischen Schriftsteller Akiyuki Nosaka*, der seine halbautobiografische Kurzgeschichte 1967 veröffentlichte und dafür den renommierten Naoki-Preis erhielt. Nosaka verarbeitete darin eigene Erlebnisse: Wie Seita war er 1945 vierzehn Jahre alt, als die Bomben auf Kōbe fielen. Er verlor seinen Adoptivvater bei den Angriffen, und seine kleine Schwester starb an Unterernährung. Nosaka hat mehrfach gesagt, er habe die Geschichte auch geschrieben, um sein Schuldgefühl zu bewältigen – später gestand er, in Wahrheit weit weniger fürsorglich gewesen zu sein als die Romanfigur Seita.

Nosaka hatte zahlreiche Angebote für Realverfilmungen abgelehnt, weil er den Stoff für unverfilmbar hielt. Erst die Idee einer Animation überzeugte ihn: Er empfand das gezeichnete Bild als das geeignete Medium, um eine zerstörte Welt glaubwürdig auferstehen zu lassen.

Für Isao Takahata wurde der Film das erste Projekt unter dem Dach des jungen Studio Ghibli. Bemerkenswert ist die Kinostart-Konstellation: Die letzten Glühwürmchen lief in Japan als Doppelvorstellung gemeinsam mit Hayao Miyazakis Mein Nachbar Totoro. Das Studio rechnete nicht mit einem finanziellen Erfolg des freundlichen Totoro und koppelte ihn daher an das ernste Kriegsdrama – eine heute fast absurd wirkende Kombination aus unbeschwerter Sommeridylle und bitterster Tragödie im selben Kinoprogramm.

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Historischer & kultureller Hintergrund

Um „Die letzten Glühwürmchen“ wirklich zu verstehen, muss man die letzten Kriegsmonate in Japan kennen. Ab 1944 flogen die USA systematische Brandbombenangriffe gegen japanische Städte. Anders als bei Sprengbomben zielten die Streitkräfte mit Napalm- und Brandsätzen auf die eng bebauten, überwiegend aus Holz und Papier errichteten Wohnviertel. Die Folge waren Feuerstürme, die ganze Stadtteile in Minuten vernichteten.

Kobe, ein bedeutendes Zentrum für Industrie, Handel und Schifffahrt, war ein Hauptziel. Bei den Angriffen im Frühjahr 1945 wurde etwa die Hälfte der Stadt zerstört. Historische Schätzungen sprechen von rund 8.000 Toten allein bei den schweren Angriffen und von etwa 650.000 Menschen, die von ihrer damaligen Einwohnerschaft von rund einer Million obdachlos wurden. Vor genau diesem realen Inferno spielt die Geschichte von Seita und Setsuko.

Ebenso wichtig ist der gesellschaftliche Kontext des Hungers. Nach der Kapitulation im August 1945 brach die Lebensmittelversorgung Japans weitgehend zusammen. Rationen waren minimal, der Schwarzmarkt blühte, und die von Nosaka geschilderte Unterernährung war das grausame Schicksal zehntausender Kinder. Der Film übertreibt nichts; er zeigt eine dokumentarisch genaue Wirklichkeit.

Kulturell verankert ist der Film tief in der japanischen Symbolik der Vergänglichkeit. Glühwürmchen leben nur wenige Tage, ihr Leuchten ist flüchtig – in Japan gelten sie seit jeher als Sinnbild für die Kürze des Lebens und, in der Nachkriegszeit, auch für die Seelen der Toten. Das Bild verweist zugleich auf die Feuer der Bombennächte und auf die Kamikaze-Piloten, die selbst in Flammen aufgingen. Wenn Setsuko die toten Glühwürmchen begräbt, verdichtet sich all das in einer einzigen, stillen Geste.

Auch die berühmte Bonbondose der Marke Sakuma Drops ist mehr als ein Requisit. Solange die Dose gefüllt ist, steht sie für Kindheit, Süße und Hoffnung. Mit jedem Bonbon leert sie sich, bis Seita am Ende Wasser hineingießt, um Setsuko noch einen Rest Geschmack zu geben. Schließlich wird die leere, rostige Dose zum Gefäß für Setsukos Asche – ein kleines Objekt, an dem sich der ganze Weg von Fülle zu Verlust ablesen lässt.

Entscheidend für die Deutung ist Takahatas eigene Haltung. Bis zu seinem Tod 2018 wehrte er sich gegen das Etikett „Antikriegsfilm“. Ihm ging es weniger um eine politische Botschaft als um eine Studie darüber, wie Menschen sich in der Krise zueinander verhalten. Seita, so Takahata, sei mitverantwortlich für die Tragödie: Sein Rückzug aus der Gemeinschaft, sein Stolz, seine Weigerung, sich einzufügen, spiegelten für ihn eine Haltung, die er bei der wohlstandsverwöhnten japanischen Nachkriegsjugend kritisch beobachtete. Der Film war also auch als Mahnung an die eigene Gegenwart gedacht.

Bezug zur Gegenwart

Fast vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung hat Die letzten Glühwürmchen nichts von seiner Kraft verloren – im Gegenteil. In einer Zeit, in der Bilder von Krieg, Vertreibung und hungernden Kindern wieder täglich über die Nachrichtenkanäle laufen, wirkt die Geschichte zweier Geschwister, die zwischen den Fronten zermahlen werden, beklemmend aktuell. Der Film erinnert daran, dass die eigentlichen Verlierer eines Krieges selten an der Front stehen.

Zugleich taugt er als Korrektiv gegen jede Verklärung des Krieges. Er zeigt keine Schlachten, keine Helden, keine große Politik, sondern nur die konkrete, körperliche Realität von Menschen, die nicht gefragt wurden. Gerade diese Perspektivlosigkeit macht ihn zu einem der eindringlichsten Werke, die je über den Zweiten Weltkrieg entstanden sind – und zu einem Film, der über kulturelle Grenzen hinweg verstanden wird.

Manga vs. Vorlage: Was der Film verändert

„Die letzten Glühwürmchen“ basiert nicht auf einem Manga, sondern auf Nosakas literarischer Kurzgeschichte. Ein Vergleich lohnt dennoch, weil der Film seine Vorlage an einer entscheidenden Stelle akzentuiert. Nosakas Text ist noch schonungsloser und lässt kaum Raum für Trost; der Autor selbst betonte, er sei zu seiner Schwester keineswegs so liebevoll gewesen wie die Figur Seita. Takahata gibt den Geschwistern demgegenüber jene zärtlichen, fast glücklichen Momente im Bunker, die den Kontrast zum Untergang erst richtig schmerzhaft machen. Die Rahmenhandlung mit den Geistern der Kinder ist eine filmische Erfindung, die dem Werk seine elegische, fast überzeitliche Stimmung verleiht.

Für wen geeignet?

Die letzten Glühwürmchen ist kein Film, den man nebenbei schaut, und ausdrücklich keiner für kleine Kinder, auch wenn er animiert ist. Er richtet sich an Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich auf ein ernstes, emotional forderndes Werk einlassen wollen – an Anime-Interessierte ebenso wie an Menschen, die sich für Geschichte, Antikriegsfilme oder das Werk von Studio Ghibli jenseits der bekannten Fantasy-Titel interessieren. Wer bereit ist, sich berühren und nachdenklich stimmen zu lassen, findet hier eines der bedeutendsten Werke des japanischen Animationskinos.

Drei ähnliche Werke zur Empfehlung:

  • Barfuß durch Hiroshima – Keiji Nakazawas autobiografischer Manga über den Atombombenabwurf, thematisch eng verwandt und ähnlich schonungslos.
  • In This Corner of the World – ein jüngeres Anime-Drama über eine junge Frau im kriegszerstörten Hiroshima-Kure, wärmer im Ton, aber ebenso genau.
  • Chihiros Reise ins Zauberland – für alle, die das andere Gesicht von Studio Ghibli kennenlernen möchten, ohne auf erzählerische Tiefe zu verzichten.

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FAQ

Ist „Die letzten Glühwürmchen“ von Studio Ghibli?
Ja. Der Film entstand 1988 als eines der ersten Werke von Studio Ghibli und wurde von Isao Takahata inszeniert, dem Mitbegründer des Studios. Er lief in Japan gemeinsam mit Hayao Miyazakis Mein Nachbar Totoro als Doppelvorstellung im Kino.

Beruht der Film auf einer wahren Geschichte?
Weitgehend ja. Er basiert auf der halbautobiografischen Kurzgeschichte von Akiyuki Nosaka aus dem Jahr 1967. Nosaka verlor als Vierzehnjähriger selbst seine kleine Schwester durch Unterernährung nach der Bombardierung Kobes und verarbeitete dieses Trauma in seinem Text.

Warum sterben Seita und Setsuko?
Die Geschwister sterben an den Folgen von Hunger und Unterernährung im zusammengebrochenen Nachkriegsjapan. Setsuko erliegt der Mangelernährung, Seita kurz darauf ebenfalls. Der Film macht deutlich, dass auch Seitas stolzer Rückzug aus der Gemeinschaft zum tragischen Ausgang beiträgt.

Ist „Die letzten Glühwürmchen“ ein Antikriegsfilm?
Regisseur Takahata lehnte diese Bezeichnung zeitlebens ab. Ihm ging es weniger um eine politische Botschaft als um die Frage, wie Menschen in Krisen miteinander umgehen. Der Film versteht sich auch als kritische Mahnung an eine wohlstandsgeprägte Nachkriegsjugend.

Wo kann ich „Die letzten Glühwürmchen“ auf Deutsch sehen?
Der Film ist in Deutschland unter anderem bei Netflix im Stream verfügbar. Zusätzlich gibt es ihn als DVD und Blu-ray im Handel, sodass man ihn auch dauerhaft in der Sammlung behalten kann. Die Verfügbarkeit bei Streamingdiensten kann sich allerdings ändern.

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