Barfuß durch Hiroshima: Der Manga, der die Atombombe für immer ins Gedächtnis brannte
Es gibt Comics, die man liest, und es gibt Comics, die man übersteht. Barfuß durch Hiroshima* gehört zur zweiten Sorte. Keiji Nakazawa hat aus seiner eigenen Kindheit als Überlebender des Atombombenabwurfs ein Werk gemacht, das bis heute zu den schonungslosesten Antikriegs-Erzählungen der Comicgeschichte zählt – und das in Deutschland eine erstaunliche Vorreiterrolle spielte. Wer verstehen will, wozu das Medium Manga fähig ist, kommt an diesem Klassiker nicht vorbei.
Steckbrief
| Titel | Barfuß durch Hiroshima |
| Originaltitel | はだしのゲン (Hadashi no Gen, „Barfüßiger Gen“) |
| Autor / Zeichner | Keiji Nakazawa (1939–2012) |
| Erstveröffentlichung | 1973, Weekly Shōnen Jump (Shueisha) |
| Umfang (Original) | ca. 2.500 Seiten, 10 Sammelbände |
| Deutscher Verlag | Carlsen Comics (ab 2004) |
| Deutsche Ausgabe | 4 Bände: „Kinder des Krieges“, „Der Tag danach“, „Kampf ums Überleben“, „Hoffnung“ |
| Genre | Autobiografischer Kriegs-Manga, Graphic Novel, Antikriegsdrama |
| Altersempfehlung | ab 14 Jahren |
| Anime-Verfilmungen | Kinofilm 1983 (Studio Madhouse), Fortsetzung 1986 |
| Auszeichnungen | Prix Tournesol (Angoulême 2004), Max-und-Moritz-Preis (2006) |
| Verfügbarkeit (DE) | Manga bei Carlsen; die Anime-Filme erschienen 2006 bei Anime Virtual auf DVD |
Worum geht es?
Im Zentrum steht Gen Nakaoka, ein sechsjähriger Junge aus Hiroshima in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs. Seine Familie hat es schwer: Der Vater ist Pazifist und kritisiert offen das militaristische Regime, was die Nakaokas zu Außenseitern macht, die von Nachbarn schikaniert und als Verräter beschimpft werden. Trotz Hunger, Repressalien und ständiger Propaganda hält die Familie zusammen – bis am Morgen des 6. August 1945 alles zerbricht.
Nakazawa erzählt die Geschichte konsequent aus der Perspektive eines Kindes, und genau das macht ihre Wucht aus. Gen begreift die große Politik nicht, aber er spürt jede Ungerechtigkeit, jede Grausamkeit und jeden Verlust unmittelbar. Aus diesem kindlichen Blick heraus wird der Krieg nicht abstrakt, sondern körperlich fühlbar. Die deutsche Ausgabe umfasst vier Bände, die Nakazawas Erzählung von den Wochen vor dem Bombenabwurf bis in die Nachkriegsjahre begleiten.
Es ist ein Werk, das nicht beschönigt, aber auch nicht in Verzweiflung erstarrt. Zwischen all dem Schrecken erzählt Nakazawa immer wieder von Solidarität, Trotz und der stursten aller Kräfte: dem Willen weiterzuleben.

Die Geschichte im Detail
⚠️ Spoiler-Warnung: Der folgende Abschnitt beschreibt zentrale Handlungsereignisse, einschließlich des Bombenabwurfs und mehrerer Todesfälle.
Die ersten Kapitel schildern das Leben der Familie im faschistisch geprägten Japan. Gens Vater lehnt den Krieg ab und stellt damit indirekt die Göttlichkeit des Tennō infrage – ein Tabubruch, der die gesamte Familie ins soziale Abseits drängt. Der einzige Freund der Nakaokas ist der Nachbar Pak, ein Koreaner, der als Angehöriger einer diskriminierten Minderheit ebenfalls gemieden wird. Um den Ruf der Familie zu retten, meldet sich der älteste Bruder Koji zum Militär.
Am 6. August 1945 um 8:15 Uhr fällt die Atombombe. In einem einzigen Augenblick verändert sich alles: Gens Vater, seine Schwester Eiko und sein kleiner Bruder Shinji werden unter den brennenden Trümmern des Hauses begraben und sterben vor Gens Augen im Feuer. Nur Gen und seine hochschwangere Mutter entkommen. Am Straßenrand, mitten in der zerstörten Stadt, bringt die Mutter eine Tochter namens Tomoko zur Welt.
Was folgt, ist eine Odyssee durch die Hölle. Hiroshima liegt in Trümmern, ein Massensterben setzt ein, überall leiden Menschen an der Strahlenkrankheit. Gen sucht verzweifelt nach Nahrung, begegnet Waisenkindern, Dieben und Sterbenden. Er kümmert sich für Geld um den schwer verstrahlten Maler Seiji, den seine eigene Familie wie ein Monster behandelt, und baut trotz aller Abweisung eine Beziehung zu ihm auf – bis Seiji stirbt. In dem Waisenjungen Ryuta, der seinem toten Bruder Shinji zum Verwechseln ähnelt, findet Gens Familie einen neuen Halt.
Nach der Kapitulation Japans beginnt die Besatzungszeit unter General MacArthur. Die Nakaokas verlieren endgültig ihr Obdach und hausen zeitweise in einer Höhle. Der Schwarzmarkt blüht, und der einst verachtete Nachbar Pak wird durch Reishandel zu einem wohlhabenden Mann – ausgerechnet er hilft Gen später mit Geld für dringend benötigte Medikamente. Doch die kleine Tomoko, geboren in den Trümmern, überlebt die Strahlung nicht. Ihr Tod raubt Gen zunächst jeden Lebensmut. Erst als zwei Jahre nach der Katastrophe seine ausgefallenen Haare wieder nachwachsen, begreift er, dass das Leben weitergeht – und dass er die Pflicht hat, es anzunehmen.

Die wichtigsten Charaktere
Gen Nakaoka ist Herz und Blickwinkel der Geschichte. Er ist stur, wütend, mitfühlend und unerschütterlich lebendig – ein Kind, das durch die Katastrophe zu schnell erwachsen wird, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren. Sein Trotz gegen Ungerechtigkeit ist der Motor der gesamten Erzählung.
Der Vater, Daikichi Nakaoka, prägt Gen mehr als jede andere Figur. Als überzeugter Pazifist widersetzt er sich dem allgegenwärtigen Militarismus und nimmt die Ausgrenzung seiner Familie bewusst in Kauf. Sein oft wiederholtes Bild vom Weizen, der niedergetreten wird und sich dennoch immer wieder aufrichtet, wird zum moralischen Leitmotiv des Werks.
Gens Mutter verkörpert die stille Ausdauer inmitten des Grauens. Sie bringt unter unmenschlichen Bedingungen ein Kind zur Welt, kämpft gegen Hunger und Verzweiflung und gibt Gen den Auftrag mit, nie wieder zuzulassen, dass so etwas geschieht.
Ryuta ist Gens Spiegel und Ersatzbruder zugleich – ein verwaistes Straßenkind, das dem toten Shinji gleicht und der Familie neue Hoffnung schenkt. Pak, der koreanische Nachbar, steht für die vergessenen Opfer im Opfer: Menschen, die neben der Katastrophe auch noch unter Rassismus und Ausgrenzung litten.
Entstehungsgeschichte
Keiji Nakazawa war selbst Hibakusha, ein Überlebender des Atombombenabwurfs. Er war sechs Jahre alt, als die Bombe fiel, und verlor Vater, Bruder und Schwester. Jahrelang zeichnete er Science-Fiction- und Baseball-Comics und mied das Thema Hiroshima bewusst. Der Wendepunkt kam 1966 mit dem Tod seiner Mutter, die an den Spätfolgen der Verstrahlung starb. Nakazawa hat später berichtet, wie erschüttert er war, als bei der Einäscherung kaum Knochen übrig blieben – die Strahlung hatte selbst ihre Gebeine zerstört. Diese Erfahrung ließ ihn seine eigene Wut in Arbeit verwandeln.
1972 verarbeitete er seine Erinnerungen zunächst in dem kürzeren, autobiografischen Werk „Ore wa Mita“ („Ich habe es gesehen“) für den Monthly Shōnen Jump. Ein Jahr später, im Juni 1973, startete die längere Serie „Hadashi no Gen“ im Weekly Shōnen Jump – bemerkenswerterweise in einem der auflagenstärksten Unterhaltungsmagazine Japans. Nach anderthalb Jahren wurde die Serie dort eingestellt und wanderte in kleinere, weniger bekannte Magazine wie „Shimin“ (Bürger) und „Kyoiku Hyoron“ (Pädagogische Kritik). Ab 1975 erschien die Geschichte in Sammelbänden, von denen sich Millionen Exemplare verkauften.
Historischer & kultureller Hintergrund
Um „Barfuß durch Hiroshima“ ganz zu verstehen, muss man den historischen Rahmen kennen. Am 6. August 1945 warf der US-Bomber „Enola Gay“, gestartet von der Pazifikinsel Tinian, die erste im Krieg eingesetzte Atombombe über Hiroshima ab. Zehntausende Menschen starben sofort, viele weitere in den Wochen und Jahren danach an Verbrennungen und Strahlenkrankheit. Drei Tage später folgte Nagasaki, kurz darauf kapitulierte Japan. Nakazawas Manga bildet diese Ereignisse nicht als Zahlen ab, sondern als gelebte, individuelle Erfahrung – das ist seine besondere Stärke.
Ebenso wichtig ist der Blick auf das Japan vor der Bombe. Nakazawa zeichnet ein ungeschöntes Bild einer militaristischen Gesellschaft, in der Kriegsbegeisterung, Kaiserkult und Fanatismus jede abweichende Meinung erstickten. Dass die Hauptfigur ausgerechnet aus einer pazifistischen Familie stammt, ist kein Zufall: Nakazawa wollte zeigen, dass es auch im Inneren Japans Widerstand gegen den Krieg gab – und wie hoch der soziale Preis dafür war. Diese Selbstkritik am eigenen Land war und ist in Japan alles andere als selbstverständlich.
Auch die Figur des Koreaners Pak trägt historisches Gewicht. Während der Kolonialzeit lebten viele Koreaner unter Diskriminierung in Japan, und tausende von ihnen zählten ebenfalls zu den Opfern der Atombombe – ein Kapitel, das lange verdrängt wurde. Nakazawa gibt diesen vergessenen Opfern in seinem Werk eine Stimme.
Kulturell markiert „Barfuß durch Hiroshima“ einen Meilenstein. Der Manga begründete in Japan das Genre des „pāsonaru komikku“, des auf einer persönlichen Geschichte beruhenden Comics. Wegen seiner Länge, seines ernsten Themas und seiner Nähe zur gezeichneten Autobiografie gilt das Werk vielen als eine der ersten echten Graphic Novels überhaupt – noch bevor Will Eisner den Begriff 1978 prägte. Nicht ohne Grund wird Nakazawa oft im selben Atemzug mit Art Spiegelman genannt, dessen Holocaust-Comic „Maus“ von „Barfuß durch Hiroshima“ direkt beeinflusst wurde. Spiegelman selbst verfasste das Vorwort zur deutschen Ausgabe und zeigte sich begeistert von der schonungslosen Direktheit des Werks.
Ein wiederkehrendes Bildmotiv verdient besondere Erwähnung: die Sonne. Sie steht zugleich für Japan, für Lebenskraft und – auf grausame Weise – für den Feuerball der Explosion. In dieser Doppeldeutigkeit bündelt Nakazawa die ganze Ambivalenz seines Themas.
Bezug zur Gegenwart
Man könnte meinen, ein Werk über 1945 sei heute nur noch historisches Dokument. Das Gegenteil ist der Fall. Solange atomare Waffen existieren und in politischen Debatten wieder offen mit ihrem Einsatz gedroht wird, bleibt Nakazawas Mahnung aktuell. „Barfuß durch Hiroshima“ führt vor Augen, was hinter der abstrakten Vokabel „Atomwaffe“ konkret steht: verbrannte Kinder, sterbende Familien, jahrelanges Leiden.
Wie brisant das Werk bleibt, zeigte eine Kontroverse aus jüngerer Zeit. Ende 2012 – im selben Jahr, in dem Nakazawa am 19. Dezember verstarb – beschränkte die Stadt Matsue den Zugang zum Manga in ihren Schulbibliotheken. Offiziell hieß es, die Darstellungen seien zu drastisch für Kinder; im Hintergrund standen jedoch auch politische Beschwerden, die die kritische Darstellung japanischer Kriegsgräuel infrage stellten. Der Protest war enorm: 44 der 49 Schulleiter der Stadt forderten die Rücknahme, und im August 2013 wurde die Beschränkung wieder aufgehoben. Nakazawas Witwe Misayo brachte es auf den Punkt: „Krieg ist brutal. Der Comic drückt das in Bildern aus, und ich möchte, dass die Menschen ihn weiter lesen.“
Gerade diese Auseinandersetzung macht deutlich, dass „Barfuß durch Hiroshima“ mehr ist als eine Geschichtsstunde. Es ist ein Werk, um das bis heute gerungen wird – ein Beweis dafür, dass ehrliche Erinnerung unbequem bleibt.
Manga vs. Anime – die Unterschiede
Studio Madhouse verfilmte den Manga 1983 unter der Regie von Mori Masaki als Kinofilm; 1986 folgte eine Fortsetzung, die drei Jahre nach dem Bombenabwurf spielt. Der erste Film gewann 1983 den renommierten Noburo-Ofuji-Preis für innovative Animation.
Der wichtigste Unterschied ist der Umfang. Der Manga umfasst rund 2.500 Seiten und kann die Vor- und Nachgeschichte, die vielen Nebenfiguren und die langen Nachkriegsjahre ausführlich entfalten. Die Filme konzentrieren sich dagegen stärker auf den Bombenabwurf und die unmittelbare Zeit danach. Wer die ganze Charakterentwicklung und die politische Tiefe erleben will, greift zum Manga; wer die Bildgewalt der Katastrophe in bewegten Bildern erfahren möchte, findet in den Anime-Filmen eine kompakte, ebenso schonungslose Umsetzung. Beide Fassungen bleiben der Antikriegs-Botschaft der Vorlage treu – die Filme entstanden für eine von Nakazawa selbst mitgegründete Produktionsfirma.
Für wen geeignet?
„Barfuß durch Hiroshima“ ist keine leichte Kost und keine Unterhaltung im klassischen Sinn. Empfehlenswert ist der Manga für Leserinnen und Leser ab etwa 14 Jahren, die sich für Geschichte, Antikriegsliteratur und die ernsten Möglichkeiten des Mediums Comic interessieren. Wer glaubt, Manga seien nur bunte Abenteuer für Jugendliche, wird hier eines Besseren belehrt. Für den Geschichtsunterricht ist das Werk geradezu prädestiniert. Wer dagegen sensibel auf drastische Gewaltdarstellungen reagiert, sollte sich der Härte des Stoffes bewusst sein.
Drei thematisch verwandte Werke zur Vertiefung:
- Die letzten Glühwürmchen (Studio Ghibli, 1988): ebenfalls ein erschütternder Antikriegsfilm über zwei Kinder im Japan des Zweiten Weltkriegs.
- Maus (Art Spiegelman): der Holocaust-Comic, den Nakazawas Werk direkt beeinflusste – der ideale westliche Gegenpol.
- In this Corner of the World (2016): ein jüngerer Anime über den Alltag einer jungen Frau in der Region Hiroshima während des Krieges.
FAQ
Ist „Barfuß durch Hiroshima“ eine wahre Geschichte?
Das Werk basiert stark auf den eigenen Erlebnissen des Autors Keiji Nakazawa, der als Sechsjähriger den Atombombenabwurf auf Hiroshima überlebte und dabei Vater, Bruder und Schwester verlor. Vieles ist autobiografisch, einiges dramaturgisch verdichtet. Die geschilderten historischen Ereignisse und Zustände entsprechen der Realität.
Wie viele Bände gibt es auf Deutsch?
Die deutsche Carlsen-Ausgabe umfasst vier Bände: „Kinder des Krieges“, „Der Tag danach“, „Kampf ums Überleben“ und „Hoffnung“. Das japanische Original erschien in zehn Sammelbänden. Die deutschen Bände gelten als die dichtesten und erzählerisch stärksten Teile der Reihe.
Ab welchem Alter ist der Manga geeignet?
Der Verlag empfiehlt „Barfuß durch Hiroshima“ ab 14 Jahren. Der Manga enthält drastische Darstellungen von Tod, Verbrennungen und Strahlenkrankheit. Für den Geschichtsunterricht ab der Mittelstufe gilt das Werk vielen als wertvolle, wenn auch fordernde Pflichtlektüre.
Gibt es einen Anime zu „Barfuß durch Hiroshima“?
Ja. Studio Madhouse produzierte 1983 einen Kinofilm, 1986 folgte eine Fortsetzung. Der erste Film gewann den Noburo-Ofuji-Preis. Eine deutsche DVD-Fassung beider Filme erschien 2006 bei Anime Virtual. Die Filme konzentrieren sich stärker auf den Bombenabwurf als der umfangreichere Manga.
Warum gilt der Manga als so bedeutend?
„Barfuß durch Hiroshima“ begründete in Japan das Genre des persönlich-autobiografischen Comics und gilt als eine der ersten Graphic Novels überhaupt. Es wird mit Art Spiegelmans „Maus“ verglichen, gewann internationale Preise und bleibt eine der eindringlichsten Antikriegs-Erzählungen der Comicgeschichte.
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