Studio Gainax: Aufstieg und Ende einer Anime-Legende

Studio Gainax: Aufstieg und Ende einer Anime-Legende

Ein Studio von Fans für Fans

Kaum ein Anime-Studio wird so verklärt wie Gainax – und kaum eines hat ein so bitteres Ende genommen. Vier Jahrzehnte lang stand der Name für kompromisslose Kreativität, überbordende Animationskunst und Serien, die das Medium veränderten. Zugleich ist die Geschichte des Studios eine Chronik chronischer Geldnot, interner Zerwürfnisse und handfester Skandale. Wer verstehen will, warum Neon Genesis Evangelion heute einem anderen Studio gehört und warum die Gainax-Insolvenz 2024 in der Branche fast schon mit Erleichterung aufgenommen wurde, muss die ganze Geschichte kennen.

Sie beginnt nicht in einem Bürogebäude, sondern auf einer Science-Fiction-Convention. 1981 richtete Osaka die nationale SF-Convention „Daicon III“ aus, und eine Handvoll Studenten – unter ihnen die späteren Regisseure Hideaki Anno und Hiroyuki Yamaga sowie der Zeichner Takami Akai – produzierte dafür einen animierten Eröffnungsfilm. Der Kurzfilm, in dem ein Schulmädchen sich durch Anspielungen auf die halbe SF- und Anime-Geschichte kämpft, wurde in der Fanszene zur Legende. Zwei Jahre später legte dieselbe Truppe mit dem noch aufwendigeren Eröffnungsfilm zu „Daicon IV“ nach: Eine junge Frau im Häschenkostüm reitet darin auf einem Schwert durch ein Feuerwerk aus Popkultur-Zitaten, unterlegt mit westlicher Rockmusik. Weil weder die Musikrechte noch die zitierten Figuren jemals lizenziert wurden, konnten die Daicon-Filme nie offiziell veröffentlicht werden – sie kursierten jahrzehntelang nur auf Kopien und wurden gerade dadurch zum Mythos. Für eine ganze Generation von Fans markieren diese wenigen Minuten Amateurfilm den Urknall der modernen Otaku-Kultur. Aus dem Amateurkollektiv Daicon Film und dem angeschlossenen Fanartikel-Laden General Products entstand schließlich im Dezember 1984 eine richtige Firma: Gainax. Der Name leitet sich vom Dialektwort „gaina“ ab, das in der Region um Yonago so viel wie „riesig“ bedeutet – ein Programm, das man wörtlich nehmen durfte.

Bemerkenswert ist die Geburtsstunde: Gainax wurde gegründet, um einen einzigen Film zu produzieren. Bandai finanzierte dem jungen Team das Kinodebüt Royal Space Force: The Wings of Honneamise (1987), einen visuell überwältigenden Film über das Raumfahrtprogramm einer fiktiven Nation. Kritiker verneigten sich, das Publikum blieb fern – und damit war der Grundton der Firmengeschichte gesetzt: künstlerischer Triumph, kommerzielles Zittern.

Steckbrief

NameGainax Co., Ltd. (株式会社ガイナックス)
GegründetDezember 1984, Tokio
AufgelöstInsolvenzantrag 29. Mai 2024, Betriebseinstellung Juni 2024
Gründerkreisu. a. Hideaki Anno, Hiroyuki Yamaga, Takami Akai, Yoshiyuki Sadamoto, Toshio Okada, Yasuhiro Takeda, Shinji Higuchi
Bekannteste WerkeNeon Genesis Evangelion, Gunbuster, Nadia, FLCL, Gurren Lagann, Panty & Stocking
Nachfolger im GeisteStudio Khara (Hideaki Anno), Studio Trigger (Hiroyuki Imaishi)
Studio Gainax: Aufstieg und Ende einer Anime-Legende

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Die Ära der Meisterwerke

Statt sich aufzulösen, machte das Studio weiter. Mit Gunbuster (1988) gab Hideaki Anno sein Regiedebüt und schuf eine Weltraum-Saga, deren emotionale Wucht bis heute nachhallt. Für den öffentlich-rechtlichen Sender NHK folgte Nadia – The Secret of Blue Water (1990), ein Abenteuerklassiker nach Motiven von Jules Verne. Und mit Otaku no Video (1991) leistete sich Gainax etwas, das nur dieses Studio konnte: eine liebevoll-gnadenlose Selbstsatire über die eigene Fankultur. Nebenbei hielt sich die Firma mit PC-Spielen über Wasser – die Aufzuchtsimulation Princess Maker wurde zum Verkaufsschlager.

Studio Gainax: Aufstieg und Ende einer Anime-Legende

Dann kam 1995. Neon Genesis Evangelion, Annos Verarbeitung eigener Depressionen im Gewand einer Mecha-Serie, wurde zum kulturellen Erdbeben. Die Serie sprengte die Konventionen des Genres, löste landesweite Debatten aus und bescherte Gainax einen Merchandising-Goldrausch, der das Studio auf Jahre finanzierte. Wie sehr Evangelion polarisierte, zeigte das Serienfinale: Statt einer Auflösung der Handlung lieferten die letzten beiden Episoden ein abstraktes Psychodrama im Kopf des Protagonisten – ein Schluss, der Teile der Fangemeinde derart erzürnte, dass Anno Drohungen erhielt und Gainax die Geschichte 1997 mit dem Kinofilm The End of Evangelion noch einmal ganz anders zu Ende erzählte. Evangelion bewies zudem, dass sich anspruchsvolle Anime im Spätabendprogramm refinanzieren lassen – und ebnete damit einer ganzen Welle erwachsener Late-Night-Produktionen den Weg.

Der Evangelion-Effekt lässt sich kaum überschätzen. Die Serie lief zunächst im Nachmittagsprogramm, entfaltete ihre volle Wirkung aber erst über Wiederholungen, Kinofilme und einen beispiellosen Strom an Figuren, Soundtracks und Fanartikeln. Für die Branche war das eine Blaupause: Nicht mehr Einschaltquoten, sondern Video- und Merchandise-Verkäufe finanzierten fortan anspruchsvolle Produktionen – das Geschäftsmodell des modernen Late-Night-Anime war geboren. Gainax selbst verwaltete den Erfolg allerdings erratischer, als es ihn erschaffen hatte.

In diese experimentierfreudige Phase nach Evangelion fällt auch eine der kuriosesten Produktionen des Hauses: Oruchuban Ebichu (1999), die vulgär-brillante Hamster-Komödie nach dem Manga von Risa Itō. Dass ausgerechnet das Evangelion-Studio eine derbe Satire über Japans Büroangestellte und ihr Liebesleben produzierte – entstanden, weil Sprecherin Kotono Mitsuishi den Manga zwischen den Evangelion-Aufnahmen im Studio herumzeigte –, illustriert perfekt, wie breit Gainax damals dachte. Im selben Zeitraum entstanden die Schulromanze Kare Kano (1998) und wenig später FLCL (2000), sechs OVA-Episoden anarchischer Coming-of-Age-Poesie, die bis heute Kultstatus genießen.

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Oruchuban Ebichu

Auch in den frühen 2000ern blieb das Programm bemerkenswert vielseitig: Die Dienstmädchen-Komödie Mahoromatic (2001), die überdrehte Zeitreise-Farce Abenobashi (2002) und die Gunbuster-Fortsetzung Diebuster (2004) zeigten ein Studio, das lieber Genres durchprobierte, als eine Erfolgsformel zu wiederholen. Kommerziell blieb vieles davon Mittelmaß – doch als Talentschmiede funktionierte Gainax weiter als kein zweites Haus: Wer hier Zwischenphasen zeichnete, inszenierte wenige Jahre später eigene Serien.

Die letzte große Blüte folgte 2007 mit Tengen Toppa Gurren Lagann, Hiroyuki Imaishis maßlos-euphorischer Mecha-Oper, und 2010 mit Panty & Stocking with Garterbelt, einer grellen Verbeugung vor westlichen Cartoons. Beide Werke zeigten noch einmal die Gainax-DNA in Reinform: mehr Energie pro Bild als bei jeder Konkurrenz.

Risse im Fundament

Hinter den Kulissen war die Lage nie so glänzend wie auf dem Bildschirm. Schon 1999 erschütterte ein Steuerskandal das Studio: Einnahmen aus dem Evangelion-Erfolg waren am Fiskus vorbeigeschleust worden, ein führender Manager wurde verhaftet. Gravierender noch war der schleichende Verlust der kreativen Köpfe. Mitgründer Toshio Okada hatte das Studio bereits in den Neunzigern verlassen. 2006 gründete Hideaki Anno sein eigenes Studio Khara, um die Evangelion-Kinofilme in Eigenregie zu produzieren – und sicherte sich in den Folgejahren die Rechte an seinem Lebenswerk. 2011 gingen Gurren-Lagann-Regisseur Hiroyuki Imaishi und Produzent Masahiko Ōtsuka und gründeten Studio Trigger, das mit Kill la Kill und Cyberpunk: Edgerunners den Gainax-Stil in die Gegenwart trug.

Zurück blieb eine Hülle, die von der Substanz zehrte. Das Management diversifizierte in Geschäftsfelder, die mit Anime nichts zu tun hatten – darunter ein defizitäres Gastronomieprojekt und eine erfolglose CG-Sparte – und vergab zudem ungesicherte Kredite an eigene Führungskräfte. Bis 2020 hatten sich Verbindlichkeiten von umgerechnet mehreren Millionen Euro (über 380 Millionen Yen) angehäuft. Rechte an alten Erfolgen wurden schrittweise verkauft, um Löcher zu stopfen, und in den Regionen entstanden lizenzierte Ableger, die den klangvollen Namen trugen, mit dem alten Studio aber wenig gemein hatten. Die letzte nennenswerte Eigenproduktion, Wish Upon the Pleiades, erschien 2015. Den moralischen Tiefpunkt markierte 2019 die Verhaftung des damaligen Gainax-Präsidenten Tomohiro Maki wegen sexueller Übergriffe auf eine minderjährige Nachwuchsdarstellerin; Ende 2020 wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Studio Khara – inzwischen Inhaber der Evangelion-Rechte und sogar der Marke „Gainax“ – ging öffentlich auf Distanz und unterstützte die Restfirma zeitweise mit Krediten, um einen unkontrollierten Ausverkauf der Werkrechte zu verhindern.

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Das Ende – und was bleibt

Am 29. Mai 2024 stellte Gainax beim Bezirksgericht Tokio einen Insolvenzantrag; am 7. Juni 2024 wurde die Zahlungsunfähigkeit öffentlich gemacht und der Betrieb eingestellt. In der Abschiedserklärung räumte das Unternehmen Missmanagement ungewöhnlich offen ein. Die verbliebenen Rechte wurden auf Betreiben von Khara an die jeweiligen Urheber und Partner zurückgeführt – das Erbe war damit gesichert, die Firma Geschichte.

Und dieses Erbe ist gewaltig. Ohne Gainax gäbe es kein Evangelion und damit nicht den modernen Autoren-Anime; ohne die Gainax-Schule keine Studios wie Khara und Trigger, in denen ehemalige Mitarbeiter bis heute prägende Werke schaffen. Selbst im Fanvokabular hat sich das Studio verewigt: Als „Gainax-Ending“ bezeichnet man bis heute Serienschlüsse, die statt sauberer Auflösung radikale Offenheit oder Verstörung wählen – das Fernsehfinale von Evangelion ist der Urtyp. Bemerkenswert ist auch, wie sehr die Gründungsgeschichte des Studios das Selbstbild einer ganzen Fangeneration prägte: Gainax bewies, dass aus Convention-Amateuren Profis werden können, die das Medium umkrempeln. Diese Erzählung vom Fan, der zum Schöpfer wird, ist bis heute ein Gründungsmythos der Otaku-Kultur – nicht zufällig hat Gainax ihn in Otaku no Video selbst verfilmt und ironisiert.

Das Studio, das als Fanprojekt begann, hat vorgemacht, dass Anime Autorenkino sein kann – und zugleich, wie schnell kreativer Ruhm verspielt ist, wenn das Geschäft dahinter nicht funktioniert. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre der Gainax-Geschichte: Kreative Explosionen können nicht verwaltet werden. Die Energie, die das Studio groß machte, lebt dort weiter, wo seine Leute heute arbeiten – die Firma selbst war am Ende nur noch der Name an der Tür.

Wichtige Gainax-Werke im Überblick

JahrWerkBedeutung
1987Royal Space Force: The Wings of Honneamise*Ambitioniertes Kinodebüt
1988Gunbuster*Annos Regiedebüt
1990Nadia – The Secret of Blue Water*NHK-Klassiker
1995Neon Genesis Evangelion*Jahrhundertwerk, Kulturphänomen
1998Kare Kano*Anno-Romanze mit Stilrevolution
1999Oruchuban EbichuDerbe Satire, experimentelle Seite
2000FLCL*OVA-Kult
2007Tengen Toppa Gurren Lagann*Letzter großer Mecha-Triumph
2010Panty & Stocking with Garterbelt*Grelle Cartoon-Hommage

FAQ

Warum ging Gainax 2024 insolvent?
Das Studio litt seit Jahren unter Missmanagement: verlustreiche Nebengeschäfte, hohe Schulden und der Abgang fast aller kreativen Köpfe. Nach 2015 entstanden keine nennenswerten Eigenproduktionen mehr. Am 29. Mai 2024 stellte Gainax Insolvenzantrag beim Bezirksgericht Tokio und stellte den Betrieb ein – nach fast 40 Jahren Firmengeschichte.

Wem gehört Neon Genesis Evangelion heute?
Die Rechte an Evangelion liegen bei Studio Khara, das Hideaki Anno 2006 gründete, um die Rebuild-of-Evangelion-Kinofilme unabhängig zu produzieren. Khara übernahm später auch die Marke „Gainax“ und sorgte nach der Insolvenz dafür, dass verbliebene Werkrechte an die jeweiligen Urheber zurückgeführt wurden.

Wer hat Gainax gegründet?
Gainax entstand im Dezember 1984 aus dem Amateurkollektiv Daicon Film. Zum Gründerkreis gehörten unter anderem Hideaki Anno, Hiroyuki Yamaga, Takami Akai, Yoshiyuki Sadamoto, Toshio Okada und Yasuhiro Takeda – Fans, die auf den Daicon-Conventions 1981 und 1983 mit legendären Eröffnungsfilmen auf sich aufmerksam gemacht hatten.

Was bedeutet der Name Gainax?
Der Name geht auf das Dialektwort „gaina“ zurück, das in der Gegend um Yonago in der Präfektur Tottori „riesig“ oder „gewaltig“ bedeutet. Die Gründer wählten ihn als selbstbewusstes Versprechen – aus dem kleinen Fanprojekt sollte etwas Großes werden, was künstlerisch zweifellos gelang.

Welche Studios führen das Gainax-Erbe fort?
Vor allem zwei: Studio Khara, gegründet 2006 von Hideaki Anno, das die Evangelion-Filme produziert, und Studio Trigger, 2011 von Hiroyuki Imaishi und Masahiko Ōtsuka gegründet. Trigger-Werke wie Kill la Kill oder Cyberpunk: Edgerunners gelten stilistisch als direkte Nachfahren der Gainax-Schule.

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